Patrick Tirler

Willkommen auf meiner Seite! Ich freue mich, hier einige meiner Erlebnisse zu teilen. Viel Spass!

NELIM LAM – Die Bergkristall Route

Mit Moritz Sigmund21/07/2023

Die Geschichte einer sehr besonderen Erstbegehung am Jamyang Ri (5800m) in Rangtik Tokpo in Ladakh (Indien). Mit vollem Stolz bezeichnen wir diese grandiose Linie als unseren bisher schönsten Erfolg.

Seit zwei Wochen befinden Moritz Sigmund, Elisabeth Lardschneider, Markus Ranalter, Stefan Plank, Hannes Niederwolfsgruber, Hannes Sullmann und ich uns nun schon im Rangtik Topko, einem abgelegenen Seitental des Zanskar Tals in der Region Ladakh im indischen Himalaya. Auf einer Höhe von 4900 Meter haben wir unsere Zelte aufgebaut und zusammen mit unseren drei, aus dem nahegelegenen Bergdorf Tungri stammenden Freunden, die uns mit größter Freude kulinarisch verpflegen, ein Basislager errichtet. Das Tal ist umrandet von gewaltigen Granitwänden, die innerhalb von einer bis drei Gehstunden vom Basislager erreichbar sind und das eigentliche Ziel unserer Reise darstellen.

Die einwöchige Anreise hat mich, dank sehr berührender Einblicke in die buddhistische Kultur und in die einfachen Lebensweisen der Einheimischen, so tief beeindruckt, dass ich keine alpinistischen Leistungen mehr von mir erwarte, um die insgesamt fünfwöchige Expedition als Erfolg bezeichnen zu können. Ich genieße die Zeit zwischen den Kletteraktionen im Basislager, die wir völlig abgeschirmt von der Außenwelt mit Gesellschaftsspielen, Lesen, Schreiben, Malen oder einfach nur Nachdenken verbringen.

Unser erster Erstbegehungsversuch durch den zentralen Wandteil auf dem Vorgipfel des Jamyang Ri ist gescheitert. Zu sehr hat sich die Wand gewehrt. Der Jamyang Ri befindet sich unmittelbar hinter dem Basislager und seine steilen Granitwände sind bis in das besiedelte Tal sichtbar. Besonders der obere Teil des Hauptgipfels reflektiert das Sonnenlicht auf wunderschöne Weise und fasziniert uns schon seit unserer Ankunft in Tungri. Der Gipfel ähnelt einem Bergkristall, mit glatt geschliffenen Seiten und klar erkennbaren Kanten, die zu verschiedenen Tageszeiten den Licht/Schattenwechsel markieren. Einer dieser markanten Kanten zeigt direkt ins Tal und zieht somit jeden Morgen, sobald wir im Basislager aus den Zelten kriechen, unsere Blicke auf sich.

Da wir unseren ursprünglichen Plan, genau diese Kante durch die zentrale Wand des Vorgipfels zu erreichen, aufgeben mussten, entscheiden wir uns für den Kanal, der sich zwischen Haupt- und Vorgipfel bildet und bis zum Wandfuß reicht. Moritz und ich starten um 4 Uhr morgens vom Basislager aus, mit auf das Notwendigste reduzierte Material und einer guten Mischung aus Motivation, Hoffnung und Zuversicht.

Der Jamyang Ri mit dem vorgelagerten Vorgipfel.

Die ersten vier Seillängen klettern wir gleich oder ähnlich wie die Slowenen im Jahr 2016, die dann nach rechts über ein großes Felsband querten und als erste Seilschaft den Gipfel erreichten. Etwas Schnee im Kanal durchnässt unsere Kletterschuhe, da wir die Bergschuhe und Steigeisen am Einstieg gelassen haben, um Gewicht zu sparen. Ansonsten kommen wir schnell voran. Die Hauptschwierigkeit des Vorsteigers besteht darin, keine losen Blöcke loszutreten, die den Nachsteiger treffen könnten. Die leichte Kletterei bis zum sechsten Grad, die teils lose Art des Gesteins, der Schnee und das Fehlen jeglicher menschlichen Spuren bremsen uns keineswegs ein, sondern befeuern unseren Antrieb mit dem klaren Ziel vor Augen. Um 11:00 Uhr erreichen wir die Höhe des Vorgipfels auf etwa 5600 Meter, nach ungefähr 400 Klettermeter und 10 Seillängen, mindestens sechs davon auf bisher unberührten Felsen.

Mit geradem Blick ins Basislager und ins Tal sitzen wir nun dort und können es nicht erwarten zu erfahren, ob diese überaus gewagte Linie möglich ist. Mit dem Fernglas haben wir bereits in den Tagen zuvor einige Risse erkennen können. Doch ein genaues Studieren und Diskutieren der Linie haben wir stets vermieden, aus Angst davor, dass uns unsere Vernunft die Unmöglichkeit der Linie prognostiziert und uns von einem Versuch abrät.

Die erste Seillänge führt uns direkt auf die Kante des Bergkristalls und in einen Riss, den wir bereits vom Basislager aus sehen konnten. Dass sich dieser Riss als einer der schönsten alpinen Risse, die wir je geklettert sind, herausstellt, hätten wir uns in unseren besten Träumen nicht vorstellen können. Ganze zwei Seillängen können wir dieses Glück genießen.

Die Frage, ob unsere Route in einer Sackgasse enden wird, scheint sich zu nähern. Kurz bevor der Riss in eine blanke Platte ausläuft, quert Moritz zwei Meter nach rechts, genau auf die Kante, und platziert dort einem Friend hinter einer schmalen Schuppe. Einen Kletterversuch gerade nach oben muss er nach wenigen Metern abbrechen, weil weit und breit keine Sicherungsmöglichkeit in Sicht ist. Zurück beim Friend erwägt er einen Wechsel auf die andere Seite des Bergkristalls über eine Quertraverse auf schmalen Leisten, nach dem er gute Griffe vermutet. Nach kurzem Zögern verschwindet er aus meinem Blickfeld. Langsam, aber konstant, läuft das Seil durch das Sicherungsgerät. Ab und zu höre ich sein Atmen durch den Wind. Auf meine Rufe reagiert er nicht. Ich werde etwas beunruhigt, doch ich ahne bei Weitem nicht, in welchem mentalen Kampf sich mein langjährigen Kletterpartner gerade befindet. Nach etwa zehn Minuten höre ich eine kraftlose Stimme: „Das war zu viel für meinen Kopf“. Die Bedeutung dieser Aussage wird mir erst bewusst, als ich im Nachstieg an der Kante bei dem Friend stehe. Ich sehe Moritz auf gleicher Höhe in einer senkrechten Wand in einem Hängestand auf zwei Keilen und zwei Friends hängen. Etwa sieben Meter von mir entfernt. Keine Sicherung dazwischen. Ich sehe seine Magnesiumspuren auf kleinen abschüssigen Griffen und zu meinem Erschrecken überhaupt keine Tritte. „Die ersten Züge musste ich hangeln, dann konnte ich einige Reibungstritte ansteigen“, sagt er mir. Da wo er gute Griffe vermutete, waren keine, und ein Zurückklettern war für ihn nicht mehr möglich. Mit dem beunruhigenden Wissen, welche Leistungen Moritz an den Felsen bringen kann, klettere ich los und stecke eine Kraft in meinen Fingern, dich ich wohl in kaum einer Sportkletteroute je zuvor hervorrufen konnte. Ein drohender Pendelsturz direkt in den Stand kann unglaubliche Kräfte beschwören.

Die Traverse mit dem abschüssigen Leistenband.

Nach diesen sehr intensiven Klettermetern komme ich, vollgepumpt mit Adrenalin, am Stand an.  Ein Schuldgefühl gegenüber den potentiellen Wiederholern unserer Route überkommt uns. „Die werden uns hassen!“. Doch Cliff haben wir keinen dabei und der Handbohrer mit den zwei Bohrhaken ist nur für einen erzwungenen Rückzug gedacht. Doch dafür hebt ein Blick in die Wand über uns, die sich inzwischen in der Nachmittagssonne Orange färbt, unsere Zuversicht, dass wir es doch noch auf den Gipfel schaffen könnten.

Für zwei Seillängen folgen wir einem dünnen Haarriss, den wir mit Keilen und kleinen Friends absichern. Die Kletterei ist absolut genial. Regelmäßig müssen wir unsere aufgeblasenen Arme an den Zwischensicherungen entlasten. Doch wir sind uns einig, dass wir uns gerade in den schönsten alpinen Seillängen befinden, die wir je gesehen haben. Der lokale Regenschauer, der sich plötzlich unweit von uns über dem Chanrasrik Ri entlädt, beunruhigt uns zwar extrem, doch unsere sprühende Motivation scheint den Regen von uns fernzuhalten.

Nach einer weiteren Seillänge bemerken wir mit großer Freude, dass unsere Freunde Lisi und Makke unter uns den Vorgipfel des Jamyang Ri erreicht haben und somit ihre siebentägige Erstbegehung vollendet haben. Ich habe sie vor einigen Tagen begleitet und ihnen beim Haulen und Aufstellen des Portaledge geholfen. Deshalb weiß ich nur zu gut, welche grandiose alpinistische Leistung sie da vollbracht haben.

Elisabeth Lardschneider und Markus Ranalter auf dem Vorgipfel des Jamyang Ri nach Vollendung ihrer gewaltigen Erstbegehung durch die steile Nordwestwand.

Bei uns hat sich allerdings das nächste Fragezeichen vor uns aufgebaut, denn ein großes Dach blockiert den Weiterweg nach oben. Auf einem Foto, dass wir auf meiner Kamera finden, entdecken wir einen möglichen Riss etwas rechts von uns. Ich seile Moritz fünf Meter ab und er pendelt zum erhofften Riss. Der dunkle Streifen auf dem Foto erweist sich tatsächlich als kletterbare Schuppe und Moritz stößt einen Jubelschrei aus, da das folgende Risssystem auf dem Gipfel zu führen scheint.

Die Pendeltraverse.

In den nächsten Seillängen zieht ein weiterer Regenschauer auf. Doch Buddha scheint es heute gut mit uns zu meinen und verschont uns erneut bis auf einige einzelne Tropfen. Ich hole meine letzten Kräfte aus mir heraus und renne gefühlt dem Gipfel entgegen. Meine Lungen arbeiten auf Hochtouren, um den niedrigen Sauerstoffgehalt der Luft auszugleichen. Sobald ich den Gipfel erreiche, kann ich nur mit Mühe meine Tränen zurückhalten. Unser erster Gipfel dieser Reise. Noch dazu eine Erstbegehung, deren Erfolg wir uns kaum erwartet hätten, und eine Linie, die uns im ganzen Tal am meisten inspiriert hatte. Nur zwei Schlaghaken haben wir benötigt und keinen einzigen Bohrhaken. Als wäre das nicht genug, befeuert uns die Aussicht auf die umliegenden Gletscher und Berge mit unglaublichen Impressionen.

Ungeachtet all der Gipfelemotionen sind wir uns jedoch bewusst, dass wir uns als wahrscheinlich dritte Seilschaft an diesem Punkt auf 5800 Meter befinden und uns noch ein langer Abstieg bevorsteht. Mit nur spärlichen Informationen über die Abseilpiste der Slowenen machen wir uns auf dem Weg ins Basislager. Nach drei komplett senkrechten Abseilern hängen wir mitten in der Wand und finden den nächsten Abseilpunkt nicht. Wir sind gezwungen, die letzten Kräfte aus den ermüdeten Armen hervorzurufen und mit Hammer und Handbohrer einen Bohrhaken zu bohren. Nach dieser mühsamen und nervigen Arbeit finden wir wieder die Schlingen der Slowenen. Nach zwei weiteren Abseilern wird es dunkel und wir verlieren uns erneut. Per Funk informieren wir unsere Freunde, dass es noch etwas länger dauern könnte. Glücklicherweise finden wir nach jedem Abseiler genügend natürliche Felsstrukturen, die uns ein weiteres Abseilen ermöglichen. 18 Stunden nach Aufbruch erreichen wir das Basislager. Müde und erschöpft, aber unendlich glücklich.

Unsere einheimischen Freunde haben uns den ganzen Tag mit dem Fernglas beobachtet und mit uns mitgefiebert. Yeshi, der noch vor unserer Rückkehr zurück ins Dorf aufbricht, trägt die Nachricht von unserem Erfolg ins Tal und wir spüren die Euphorie, die sich um uns ausbreitet. Seit unserer Ankunft erleben wir unglaubliche Glücksgefühle und Zufriedenheit, vermischt mit einer Riesenfreude für jedes noch so kleines Ereignis. Die Menschen in Tungri leben uns vor, wie ein glückliches Leben ausschauen kann und zeigen uns, wie dankbar wir für unser Leben sein müssen. Der Bergkristall wird uns wohl für immer daran erinnern, dass man die wirklich wertvollen Schätze nur in seinen Erinnerungen aufbewahren kann.

Patrick Tirler – 23/07/2023 – Basecamp Rangtik Tokpo

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1 Kommentar

  1. LUIS CARLOS GARRANZO 16. September 2023

    ¡Congratulations!

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